February 21, 2013

Shrovetide 2013


Seit 9 Tagen feiern die Christen Fastenzeit. Obwohl feiern ist wahrscheinlich der falsche Ausdruck, gefeiert wurde vorher. Jetzt wird verzichtet. Nicht, dass ich besonders gläubig wäre, aber zu Studienzeiten habe ich manchmal mitgemacht und Alkohol gefastet. Das war irgendwie nötig, wenn man Mitte Zwanzig ist und in Köln studiert. Ihr wisst schon: Köln, Allaf, Kostüme – Karneval.

Seit ich in England bin, sind diese Zustände allerdings passé. Hier kann ich meine Kostüme getrost dem Universum der Kleiderkiste überlassen, denn hier wird sich an Karneval definitiv nicht verkleidet. Wenn überhaupt werden hier Pancakes gegessen und – wie sollte es anders sein im Mutterland des Fußball – Ball gespielt: Shrovetide Ball. (Shrovetide ist eine andere Bezeichnung für die Karnevalstage Shrove Tuesday und Ash Wednesday).
In Ashbourne, Derbyshire wird Shrovetide seit über 300 Jahren gespielt (!). Jedes Jahr an Karnevalsdienstag und Aschermittwoch seit 1667 spaltet sich das sonst friedliche Dorf in die Up’ards und die Down’ards und spielt um die Ehre des Fußballs. Die Regeln? Denkbar einfach: Zwei Mannschaften, ein Ball und ein ganzes Dorf als Spielfläche. Schießen, Tragen, Werfen ist alles erlaubt. Sieger ist, wer den Ball einmal mehr als der Gegner ins eigene Tor buchsiert. Bei einer durchschnittlichen Mannschaftsstärke von 200 Mann dauert das länger als ihr jetzt ahnt!

90 Prozent der Zeit befindet sich der Ball nämlich in einem Gewühl aus Armen und Beinen. Bewegung kommt nur ins Spiel, indem noch mehr Arme und Beine kräftig gegen dieses Knäuel drücken. Selbstverständlich von allen Seiten, denn die einen möchten gern nach Norden und die anderen nach Süden. Außenstehende bekommen den Ball eigentlich kaum zu sehen. Außer in den raren Momenten, in denen er plötzlich über die Menge geworfen wird und ein Läufer ihn am Rande aufnimmt. Aber dann ist er auch schon wieder außer Sichtweite. Denn querfeldein sprintet der Läufer davon; verfolgt von 200 Mann, die den Ball wieder einkesseln wollen und mindestens 800 Schaulustigen, die gar nicht schnell genug gucken konnten.

Das verblüffende an dem Spektakel ist: Man muss gar nicht mitspielen, um mit aufgeregt zu sein. Als ich nach einer Stunde – die ich damit verbracht habe, auf einen Pulk aus Menschen zu starren, der so eng zusammengequetscht ist, dass er in der Mitte dampft – plötzlich den Ball direkt vor mir sah, hat meinen Herz einen Aussetzer gemacht, als hätte ich gerade das Tor geschossen. So spannend das Ganze!

1928 wurde das Spiel übrigens sogar mit der Anwesenheit von King Edward VIII geadelt, der sich doch tatsächlich eine blutige Nase geholt hat. Ich bin dieses Jahr verschont geblieben, habe ich mich doch vornehm im Hintergrund gehalten (als der Ball in besagten Moment auf mich zuflog, habe ich mich ganz mädchenhaft einfach geduckt ;) und lieber meine Kamera gezückt…


























Der Royal Shrovetide endete in diesem Jahr übrigens 1:1. Wer Lust hat im kommenden Jahr einmal live dabei zu sein (oder gar mitzuspielen), kann sich hier schon mal webmäßig aufwärmen: https://www.facebook.com/shrovetide.

Wir sehen uns im Getümmel!
Eure Nadine

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